Schmale Stadträume, tiefe Stadträume [Klima-Expo 2022]

Hagen
Essen
Bottrop
Muelheim

Wir bereiten ein neues Projekt vor; Thema sind die Ein- und Ausfallstraßen des Ruhrgebiets. Das Projekt soll Bestandteil der so genannten Klimaexpo NRW werden und wurde bereits für deren Auftaktwoche Ende September / Anfang Oktober 2014 ausgewählt. „Wir“, das sind in diesem Fall LEGENDA und das in Dortmund ansässige Büro für Städtebau, Denkmalpflege und Stadtforschung der Kollegin Yasemin Utku. Weitere Partner werden spätestens nach unserer Projektvorstellung am 28. September 2014 dazu stoßen (müssen). Warum wir das Arbeiten zu Ein- und Ausfallstraßen wichtig finden, und warum sich eine Kima-Expo gerade mit derartigen Stadträumen auseinandersetzen sollte, haben wir in einer ersten Projektdarstellung zu skizzieren versucht – et voilá:

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Ein- und Ausfallstraßen im Ruhrgebiet werden meist als multidimensionale Problemräume wahrgenommen. Es sind jene Stadträume, die von besonders hohem Verkehrsaufkommen, Lärm- und Feinstaubbelastungen betroffen sind. Das Wohnen und Arbeiten an derartigen Straßen wird immer unattraktiver, sodass vor allem ärmere Menschen – die Verlierer der autogerechten Stadt – an derartigen Straßen leben; Anzeichen städtebaulicher Vernachlässigung, Leerstände und „ungeliebte“ Funktionen nehmen zu; gleichzeitig bieten sie aber auch immer häufiger Raum für prekäre, provisorische, experimentelle Nischen.

Dort, wo entlang solcher Ein- und Ausfallstraßen in größerem Umfang investiert wird, entstehen vorwiegend autoorientierte Handelseinrichtungen, die wiederum das Verkehrsaufkommen und die Umweltbelastungen noch weiter erhöhen und die althergebrachten Stadtteilzentren entlang solcher Straßenzüge weiter schwächen. Ein Teufelskreis? Zumindest tun sich herkömmliche Planungskonzepte schwer, darauf adäquate Antworten zu finden; mitunter wird aus Hilflosigkeit der planerische Rückzug oder gar der komplette Rückbau solcher Stadträume erwogen.

Gleichzeitig sind Ein- und Ausfallstraßen ein im Ruhrgebiet weit verbreiteter Raumtyp, den man weder vollständig zurückbauen noch in Gänze in einen autogerechten Funktionsraum verwandeln kann. Als schmale Stadträume verbinden sie die verschiedenen alten wie neuen Zentren des Ruhrgebiets; sie sind also grundlegender Bestandteil des regionalen Raumgerüsts und daher schlicht unverzichtbar für die polyzentrale Raumstruktur dieser Gegend. Als tiefe Stadträume sind sie wesentlicher Bestandteil der verschiedenen Stadtviertel; dort sind sie eingebunden an die zahlreichen Querbezüge dies- und jenseits des eigentlichen Straßenraums, also konstitutive Elemente einer (kompakten, auf Nahmobilität basierenden) Stadt der kurzen Wege.

Für eine regionale Klima-Expo sind Ein- und Ausfallstraßen von strategischer Relevanz: Einerseits leiden sie in besonderem Maße unter den Auswirkungen auto-orientierter Raumnutzungen und den entsprechenden Verkehrskonzepten, andererseits könnten sie künftig am stärksten von einem auf Klimaanpassung fokussierten Paradigmenwechsel in der Stadt- und Verkehrsplanung profitieren. Soll der Umbau des fossilen Ruhrgebiets in eine postfossile Städtelandschaft gelingen, wird dies in den die verschiedenen Städte und Stadtviertel verbindenden schmalen Stadträumen demnach besonders deutlich ablesbar sein müssen.

Mit dem mehrstufigen Projekt „Schmale Stadträume im Wandel“ soll die außerordentliche Relevanz dieser Stadträume für eine klimaangepasste Raumentwicklung untersucht und thematisiert werden, und zwar zunächst exemplarisch in zwei linearen Stadträumen, vorzugsweise im Nordwesten und Südosten des Ruhrgebiets. Als Untersuchungsräume vorgesehen sind bislang ein Stadtraum im Duisburger Norden entlang der L287, der die Stadtteile Ruhrort, Laar, Beeck, Bruckhausen, Marxloh, Röttgersbach bis nach Oberhausen-Sterkrade verbindet, sowie der stadtübergreifende Korridor entlang der Bundesstraße B7 von Hagen nach Gevelsberg. Zu prüfen ist, ob weitere zwischenstädtische Hauptverkehrsstraßen in der Mitte des Ruhrgebiets als Untersuchungsräume in Frage kommen.

In der ersten, ca. einjährigen Phase des Projektes sollen zunächst gängige Analyseroutinen hinterfragt und neue Wahrnehmungsmuster provoziert werden, sodass sich bislang unerkannte Veränderungspotenziale identifizieren lassen, die in weiteren Projektphasen mit weiteren Projektpartnern vertieft und modellhaft umgesetzt werden sollen. In dieser ersten Phase werden daher sowohl einschlägige Untersuchungsmethoden wie auch experimentelle Formen der Raumforschung zur Anwendung kommen. Dabei nimmt die Einbeziehung „fachfremder“ Expertisen und die systematische Erschließung amateurhaften Wissens lokaler Akteure eine wichtige Rolle ein. In der Auftaktwoche zur Klimaexpo soll die Projektidee am 28. September 2014 mit einer Tageswanderung entlang der Landesstraße L 287 vorgestellt werden.

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Soweit die ersten Überlegungen … dass sich mit „Ein- und Ausfallstraßen im Ruhrgebiet“ sehr vielfältige Typen und Phänomene verbinden, werden wir in den nächsten Wochen mit einer kleinen Auswahl an Fotos und weiteren Luftbildern veranschaulichen.

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