Gemengelagenurbanismus

(c) Regionalverband Ruhr

(c) Regionalverband Ruhr

Vor einigen Wochen sprach das Webmagazin LABKULTUR mit Dirk E. Haas (REFLEX architects_urbanists und LEGENDA – Gesellschaft für explorative Landeskunde) über die Arbeit von LEGENDA, über Duisburg, über das Ruhrgebiet, über Metropolenwünsche und über Wandlungsprozesse, die oft und gerne als Schrumpfung missverstanden werden. Es war ein längeres Gespräch; insofern hat sich die Redaktion entschieden, das Interview in 2 Teilen zu veröffentlichen. Wer es als Ganzes lesen möchte, kann es hier tun.

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LABKULTUR: Vom Allgemeinen ins Spezielle: Sprechen wir erst über das Ruhrgebiet, dann über den Spezialfall Duisburg. Es gibt – mal wieder – einen Ideenwettbewerb zur Zukunft des Ruhrgebiets. Diesmal veranstaltet vom Regionalverband Ruhr. Sie nehmen mit LEGENDA teil. Was sind dabei Ihre Vorstellungen von Zukunft und wie können wir sie gestalten?

Dirk E. Haas: Ehrlich gesagt – und da kann ich jetzt nur für LEGENDA sprechen – interessiert uns weniger die Zukunft als vielmehr die Gegenwart. Zukunftsvisionen großer Städte oder Städteregionen haben ohnehin die Eigenschaft, dass sie sich zum Verwechseln ähnlich sind: ob nun Hamburg, München, Kopenhagen oder Mailand: alle wollen „attractive“, „vibrant“, „livable“, „competitive“ und vor allem „green“ sein. Dies liegt daran, dass derartige Zukunftsbilder meist nur verklausulierte Erwartungen an die Gegenwart sind – Erwartungen und Vorstellungen, die man zurzeit für richtig, aber mehr oder weniger unrealistisch hält und daher notgedrungen in die Zukunft projiziert. Warum also nicht gleich ganz explizit der Gegenwart zuwenden? Sie ist gerade im Ruhrgebiet oft sehr viel spannender, anregender, widersprüchlicher, irritierender und fordernder als es ausbalancierte Visionen zur Zukunft einer Stadt oder einer Region vermutlich sein können. Womöglich sind sogar andere Lesarten der Gegenwart, also der neue Blick auf das bereits Vorhandene, viel radikaler und viel besser geeignet, Veränderungen zu provozieren als die oftmals herbei gesehnten „ganz neuen“ Zukunftsbilder.

LABKULTUR: Auf der Website von LEGENDA heißt es zur ersten Veranstaltung, die Suche nach Mustern einer ruhrgebietsspezifischen Urbanität sei allgemein Konsens gewesen. Können Sie das ein wenig ausführen? Was könnte der Mehrwert sein?

Dirk E. Haas: Konsens war vor allem das Selbstverständnis des Ruhrgebiets als polyzentrische Städtelandschaft. Das ist der „common ground“, auf dem über die Entwicklungsbedingungen des Ruhrgebiets nachgedacht wird. Die Suche nach „Ruhrbanität“, also nach Mustern einer Urbanität, die man im Ruhrgebiet, aber beispielsweise nicht in München findet, steht erst am Anfang, auch wenn das Regionalmarketing „Ruhrbanität“ gerne bereits als regionale Besonderheit bewerben möchte. Denn auch in vielen anderen Regionen gibt es eine Debatte um die „Eigenlogik von Städten“. Spezifische räumliche, kulturelle, habituelle, atmosphärische Besonderheiten einer Stadt werden als Chance gesehen, sich der stattfindenden Vereinheitlichung von Stadtbildern entgegenzustellen und lokale Identität zu behaupten. Was das Ruhrgebiet betrifft: Vor knapp zwei Jahren erschien die sehr schöne und ungemein wichtige Publikation „Schichten einer Region“. Dort wird zum Beispiel die intensive Verzahnung von Siedlung und Freiraum, also der Umstand, dass das Ruhrgebiet voll mit inneren Rändern ist, als räumliche Besonderheit des Ruhrgebiets postuliert, und damit auch als wichtiges Merkmal von „Ruhrbanität“.

Mit LEGENDA gehen wir zurzeit, unabhängig vom Wettbewerb, der Frage nach, ob nicht gerade jene räumlichen Phänomene, die man in den meisten Städten als städtebauliche Missstände behandeln würde, wichtige Bausteine einer solchen ruhrgebietsspezifischen Urbanität sein könnten. Um es anschaulicher zu machen: das unmittelbare Nebeneinander von Autobahn und Jugendstil, von Shopping Mall und Grabeland, von Tierfriedhof und Sterne-Restaurant, von Müllverbrennung und Gesundheitspark; derartige „Gemengelagen“, wie es in der Planungsliteratur heißt, schaffen besondere Raumatmosphären, die man eher in Regionen findet, deren Struktur maßgeblich aus Brüchen besteht. Die wirklich spannende Frage ist: Kann man derartige Atmosphären, derartige Brüche, also diese Form von Urbanität auch entwerfen oder muss man sich mit den Zufälligkeiten einer ungeordneten Raumentwicklung begnügen?

LABKULTUR: Seit einigen Wochen steht an den Autobahnen bei der Einfahrt in die Region nicht mehr „Ruhrgebiet“, sondern „Metropole Ruhr“. Wird diese dauerhaft vorgetragene Behauptung irgendwann Wirklichkeit? Oder wird man sich am Ende auf einen „anderen Metropolenbegriff“ (Stichwort „Ruhrbanität“) zurückziehen, damit es nicht peinlich wird?

Dirk E. Haas: Am südlichen Rand des Hunsrücks liegt die Kleinstadt Idar-Oberstein. Sie nennt sich eine Edelstein-Metropole. Das ist sehr nett, interessiert aber niemanden, der nicht in Idar-Oberstein lebt. Mit der Metropole Ruhr ist es nicht anders.

Was ich damit sagen will: „Metropole Ruhr“ wirkt nach innen, und auch dort vornehmlich nur in die politische Klasse des Ruhrgebiets. Unter raumwissenschaftlichen Gesichtspunkten macht es keinen Sinn, den Metropolenbegriff auf das Ruhrgebiet anzuwenden. Das Ruhrgebiet ist weder eine Metropole, noch ist es keine Metropole – der Begriff hilft also nichts, erklärt nichts. Es gibt zweifelsohne metropolitane Partikel, d.h. Orte, die in ähnlicher Weise auch in London oder Paris vorstellbar wären; genauso gibt es Räume tiefster Provinzialität oder Momente totaler Abgeschiedenheit. Diesen Artenreichtum an Räumen unter dem Metropolenbegriff subsumieren zu wollen, macht also nicht nur keinen Sinn, sondern verstellt geradezu den Blick auf diese Diversität.

Anstelle von Schildern mit „Metropole Ruhr“ hätte ich mir Schilder mit „Sankt Ruhrgebiet“ gewünscht (wie Sao Paulo, San Francisco, Sankt Petersburg). Das wäre ein eindeutiges, gleichzeitig wunderbar selbstironisches Bekenntnis zur gegenwärtigen Komplexität dieses Raums.

LABKULTUR: Hat die Kulturhauptstadt vor drei Jahren zur Verständigung über Metropole, einen gemeinsamen Kulturraum und notwendige Schritte zur Identitätsfindung beigetragen? Sie haben ja auch gerade mit Urbane Künste Ruhr (UKR) zusammengearbeitet, eine Art Erblassverwalter der Kulturhauptstadt. Wie sehen Sie die Chancen durch Kultur Wandel in Wirtschaft und Bewusstsein zu erzeugen?

Dirk E. Haas: Es gefällt mir, dass im Ruhrgebiet sehr viel und auch sehr substantiell über Kultur geredet und gestritten wird, nicht selten auf hohem Niveau. Das ist für eine Region, die bis in die 1960er Jahre keine Universität hatte, nicht selbstverständlich. Man mag an der Kulturhauptstadt viel kritisieren, auch zu Recht, aber sie hat es geschafft, einen gemeinsamen Kulturraum zu behaupten, in dem sich neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt haben. Es gibt eine spürbare Kooperationskultur in der Region, auch einen kollektiven Stolz auf genau diese Kooperationskultur.

Was Urbane Künste Ruhr anbetrifft: Da geht es um sehr viel mehr als nur Erblassverwaltung, auch wenn bestimmte Programmformate aus dem Kulturhauptstadtjahr übernommen wurden. Letztlich ist die Frage nach den Programmformaten nicht wichtig, denn man kann auch in eingeführten Formaten wie „Emscherkunst“ oder „B1 / A40“ neue Fragen aufwerfen oder weiterführende Impulse setzen. Interessanter als dieser Erblass-Aspekt von UKR ist der selbst gestellte Anspruch, eine Forschungsabteilung für das Ruhrgebiet sein zu wollen. In Forschungsabteilungen werden schwierige, mitunter unbequeme Fragen gestellt (anderenfalls bräuchte man solche Abteilungen nicht), mit dem klaren Risiko, dass dort manchmal Antworten gefunden werden, die nicht allen gefallen werden. Ich weiß natürlich, dass unsere Recherchen, die wir in Zusammenarbeit mit UKR gerade im Duisburger Norden machen, nicht auf ungeteiltes Wohlwollen aus dem politischen Raum treffen. Schließlich hinterfragen wir, gewissermaßen en passant, den Nutzen einer Planung, in der gerade mehr als 36 Mio. € öffentlicher Mittel verausgabt werden. Aber wie gesagt: das ist der Sinn von Forschung, auch von Forschung an der Schnittstelle von Kunst und Stadtentwicklung.

LABKULTUR: Kommen wir zu Duisburg, eine Stadt mit typischen Ruhrgebietsproblemen: Pleite, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung ganzer Viertel, Wegzug der Jungen und häufig auch besser Ausgebildeten in andere Regionen. Dort ist man einen anderen Weg gegangen: Nicht Leerstände kreativ mit temporären Projekten füllen, bis vielleicht bessere Zeiten kommen, sondern große Areale abreißen um „den Wohnungsmarkt zu stabilisieren“.

Dirk E. Haas: Die Stadt Duisburg hat Probleme und macht Probleme, aber das Bild, das von ihr gezeichnet wird – sie würde ganze Stadtviertel verwahrlosen lassen, um sie dann abzureißen – ist sicherlich falsch. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Es gibt in Duisburg keine Verwahrlosung ganzer Viertel, sondern es gibt Viertel, in denen sich typische Armutsprobleme konzentrieren. Armut ist beileibe nicht das Gleiche wie Verwahrlosung. Bis zu einem gewissen Grad haben wir es sogar mit einer verschobenen Wahrnehmung zu tun: die stadträumliche Anmutung von Teilen Bruckhausens, diese verblassende und hochgradig gefährdete Schönheit, würde man in Städten wie Venedig oder Ravenna als malerisch empfinden. Deshalb sind so viele Fotografen und Filmemacher in Bruckhausen unterwegs: Bruckhausen ist so gesehen auch eine Kulissenstadt, eine Filmstadt.

Der Abriss von Gebäuden, in deren Erhalt seit Jahrzehnten nicht investiert wurde, ändert an den Armutsproblemen nichts, denn die Menschen, die in den verbleibenden, genauso heruntergekommenen Gebäuden zusammenrücken sollen, sind dadurch ja nicht plötzlich weniger arm, können nicht plötzlich mehr Miete zahlen, damit sich das Investieren der Eigentümer in den verbleibenden Gebäudebestand wieder lohnt. Diese Strategie der Marktverknappung billigen Wohnraums führt also vor allem zu Verdrängungen in andere Stadtteile, falls es dort in ausreichendem Umfang leer stehende und billige Wohnungen gibt. Anderenfalls blüht das Slumlord-Geschäft.

Die in Städten wie Leipzig erprobten Strategien zur Zwischennutzung oder Überlassung leerstehender Gebäude („Wächterhäuser“) würden zwei Dinge voraussetzen: a. den Willen der Stadt Duisburg, den Gebäudebestand zu erhalten und dafür ggf. auch Gebäude privater Eigentümer aufzukaufen; b. eine Handvoll Menschen, die auch bereit und in der Lage wäre, im bescheidenen Maße in den Erhalt zu investieren. Dafür gibt es wie gesagt Modelle, aber sie werden in Duisburg nicht angewandt, weil sie nicht genügend bekannt sind.

LABKULTUR: Wie würden Sie den Zustand der Viertel Bruckhausen und Marxloh bis zum Abrissentschluss beschreiben? Und gibt es vergleichbare Viertelsituationen auch in anderen Städten? Warum hat man in Marxloh jetzt schon wieder Abstand vom Abriss genommen?

Dirk E. Haas: Bruckhausen und Marxloh sind typische Stadtteile des Ruhrgebiets, innerhalb von wenigen Jahrzehnten stürmisch gewachsen, eine Art „Pop-Up-Urbanismus“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie waren bis in die 1960er Jahre beliebte, angesehene und keine armen Stadtviertel. In den 1970er Jahren gab es erstmals Überlegungen, Bruckhausen zugunsten einer Erweiterung des Thyssen-Werks aufzugeben; seit dieser Zeit kämpft Bruckhausen um seine Existenz. Im größeren Nachbarstadtteil Marxloh verlief der ökonomische Niedergang ähnlich; allerdings ohne ein Infragestellen des Stadtteils als Ganzes.

LABKULTUR: Was ist die Besonderheit der Viertel, die zu dem Entschluss des Abrisses führten? Ist das zeitliche Nebeneinander von Niedergang und Boom, Kreativfarbpunkten und sozialen Problemen nicht auch für andere Städte typisch?

Dirk E. Haas: Argumentiert wird in erster Linie mit der Nähe zur Industrie sowie der demografischen Entwicklung in den beiden Stadtteilen. In der Tat sind die Umweltbedingungen vor allem in Bruckhausen in den Boomzeiten der Montanindustrie schlecht gewesen, und tatsächlich gingen die Bevölkerungszahlen seit den 1970er Jahren zum Teil deutlich zurück. Ein Abriss wirkt daher auf den ersten Blick rational, zumal die verschiedenen Stadterneuerungsprogramme keine erkennbare Trendumkehr erreichen konnten. Im Grunde genommen sind die Abrissplanungen das Eingeständnis tiefer Rat- und Hilflosigkeit. Am Ende hat man auf ein Instrument zurückgegriffen, das im Ruhrgebiet gerne als planerische Allzweckwaffe zur Lösung räumlicher Konflikte eingesetzt wird: die grüne Wiese. Allerdings ist die grüne Wiese auch hier nur eine Scheinlösung: die grundlegenden Entwicklungsbedingungen verbessert sie nämlich nicht, ganz im Gegenteil. Nach dem Abriss eines Quartiers, in dem noch bis vor wenigen Jahren annähernd tausend Menschen lebten, bleibt vom Kernbereich dieses ohnehin schon prekären Stadtteils nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig. Noch ist offen, ob der Stadtteil diese gleichermaßen brutale wie naive Sanierung überleben wird.

Man muss allerdings wissen: Den flächenhaften Abriss in Bruckhausen würde es nicht geben, wenn er nicht vom Unternehmen ThyssenKrupp maßgeblich mitfinanziert würde. Etwa die Hälfte der 72 Millionen €, die diese grüne Wiese zwischen Werk und verbleibendem Rest des Stadtteils kostet, wird vom Unternehmen übernommen.

In Marxloh verläuft die Entwicklung etwas anders und sehr viel widersprüchlicher: Agonie und Goldgräberstimmung liegen zeitlich und räumlich so dicht zusammen, dass Bewohner und Stadtplanung von dieser Situation phasenweise überfordert sind. Ordinäre städtebauliche Entwicklungskonzepte erweisen sich da schnell sowohl empirisch als auch konzeptionell als weitgehend untauglich. Ein Beispiel: Der enorme Boom an Braut- und Abendmodengeschäften, für den Marxloh über Deutschland hinaus bekannt geworden ist, war ursprünglich in keinem Masterplan Einzelhandel, in keinem Entwicklungskonzept vorgesehen. Es ist einfach passiert – und das Interessante ist, es passiert im vorhandenen Gebäudebestand. Dieses neue ökonomische Cluster benötigte bislang kein einziges neues Gebäude. Für die Ruhrgebietsplanung, da ja gerne irgendwelche neuen „Potenzialflächen“ ausweist, um neue Cluster ansiedeln zu können, ist das eine sehr lehrreiche Erfahrung.

LABKULTUR: Gibt es noch den „Masterplan Innenstadt Duisburg“ vom Stararchitekt Foster? Worin bestand er, was soll noch umgesetzt werden? Der Abriss gehört aber doch nicht dazu?

Dirk E. Haas: Es gibt ihn noch, er bezieht sich aber in der Tat nur auf das Stadtzentrum, einschließlich des Innenhafens. Sein wichtigstes Ziel ist die Reurbanisierung der Innenstadt, mit einer Reihe von Vorschlägen zur Nachverdichtung einzelner Teilabschnitte. Der Masterplan sieht daher mehr Bebauung (+10%) und mehr Grün (+100%) vor; Aussagen zum Rückbau beziehen sich in erster Linie auf Verkehrsflächen (-30%). Einige aktuelle Entwicklungsprojekte, etwa das geplante Mercatorquartier, stehen im Einklang mit den Zielsetzungen des Masterplans, andere wiederum konterkarieren seine Zielsetzungen, etwa die geplante Ansiedlung eines großen Möbelzentrums auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs, das Foster gerne als hochwertiges Stadtquartier („Duisburger Freiheit“) entwickelt gesehen hätte.

LABKULTUR: Sie sagen ja, dass die Standardmodelle für Stadtumbau und Erneuerung Konflikte oft nicht nur nicht lösen, sondern sogar verschärfen. Wie kommt das?

Dirk E. Haas: Bruckhausen ist da ein gutes, weil lehrreiches Beispiel. Auch das große Factory-Outlet-Center zwischen Marxloh und Hamborn, das sich zurzeit in Planung befindet, wird nur zu realisieren sein, wenn man neue Konflikte in Kauf nimmt, etwa in Bezug auf die benachbarten Stadtteilzentren, die zusätzlichen Verkehrsbelastungen oder den geplanten Abriss einer Wohnsiedlung aus den 1960er Jahren.

Letztlich zeigt sich in solchen von Umbrüchen tief gezeichneten Stadtgebieten ein Formwandel des Städtischen, der uns als Planer bislang überfordert. Wenn ein Gebiet nicht mehr im herkömmlichen Sinn als Stadt oder Stadtquartier funktioniert, reißen wir es ab und schaffen etwas anderes, das wir kennen: den Park (oder das Einkaufszentrum). Und wir tun es mit dem Instrumentarium, das wir kennen: dem Plan.

Was aber, wenn die räumliche Ungewissheit, die solche Gebiete auszeichnet, gar keinen neuen Plan braucht? Wenn der Plan, der ausschließlich mit herkömmlichen Repertoires arbeitet, eine Gewissheit über das Richtige nur vortäuscht? Mit all dem rhetorischen Blendwerk, über das wir als Planer verfügen? Wenn also Stadtteile wie Bruckhausen und Marxloh gar keinen dieser ohnehin nur vermeintlich neuen Pläne vertragen, sondern lediglich ein paar Regeln benötigen, nach denen in den Stadtteilen agiert werden kann – Regeln also, die einen Modus des Handelns in räumlicher Ungewissheit beschreiben, ohne bereits irgendein Endziel zu formulieren?

Ich habe darauf noch keine Antwort; aber wir werden es herausfinden müssen. Wenn Konzepte, ob beabsichtigt oder nicht, einen ganzen Stadtteil gefährden, weil dieser Stadtteil schlicht nicht zu den Kategorien passt, die dem Konzept innewohnen, dann stimmt etwas sehr Grundsätzliches nicht.

LABKULTUR: Kann es denn nicht auch sinnvoll sein, ein Viertel oder Teile eines Viertels aufzugeben, als immer aufwändig, teuer und konfliktreich zu erhalten, was sich offenbar überlebt hat? Wenn Städte dynamische Orte sind, dann gehört doch auch das Sterben dazu, oder?

Dirk E. Haas: Sterben ist okay, Töten nicht; nein, Sterben ist sowieso viel interessanter als Töten. Natürlich verändern sich Städte, und auch in den Ruhrgebietsstädten finden sich Gebäude oder Strukturen, die so nicht erhalten werden können. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen: Abriss, kontrollierter Verfall oder Metamorphose. So wie vor 25 Jahren aufgelassene Industrieareale, halb verfallene Zechen und Hüttenwerke kurzerhand zu Parks erklärt wurden und damit ein bis dato unbekannter Landschaftstyp geschaffen war, so könnten auch halb abgerissene Stadtquartiere mit ihren kleinen und großen Gebäudelücken, leeren, tlw. verfallenen Häusern, aufgerissenen Straßen und halbdurchlässigen Innenhöfen wunderbare Stadtteilparks sein. So ein Park steht nur bislang in keinem Gestaltungshandbuch.

LABKULTUR: Leerstand ist ein Stichwort: In echten Metropolen, Barcelona, Amsterdam, London, wo der Raum knapp ist, da wird er zu Laboren von kleinen Unternehmen oder den berühmten „Kreativen“, die einen Stadtteil durch ihren Zuzug allmählich aufwerten. Platz, den gibt es wirklich genug hier an der Ruhr. Wieso gelingt es hier nicht, trotz „Kreativquartier“-Unterstützung von oben? Oder gelingt es?

Dirk E. Haas: Es gibt keine Kreativquartiere. Der Begriff ist für das Ruhrgebiet ähnlich untauglich wie „Metropole“. Das, was im Ruhrgebiet unter diesem Begriff subsumiert wird, sind sehr unterschiedliche Raumtypen und Stadtviertel, und diese Stadtviertel werden sich auch künftig sehr unterschiedlich entwickeln.

Aber es gibt natürlich Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet, manchmal in Form von erfolgreichen Unternehmen, manchmal in Form prekärer Tagelöhnerei. Das alles hat Platz im Ruhrgebiet, sogar viel Platz, hält sich aber nicht an die amtlichen Zuweisungen („Hier ist ein Kreativquartier“) – wahrscheinlich auch, weil die Mobilisierung von leer stehenden oder zumindest preisgünstigen Gebäuden in solchen Arealen nicht besser und nicht schlechter gelingt als in anderen Vierteln des Ruhrgebiets.

LABKULTUR: Gibt es eine Form von Gentrifizierung, also Aufwertung von Vierteln nach den Gesetzen des Marktes, die man auch willkommen heißen muss? Das Problem am Ruhrgebiet scheint ja: Die Künstler und Kreativen und in ihrem Fahrwasser irgendwann die Boutiquen, Cafes, Bars, Clubs und dann Projektentwickler, sie kommen einfach nicht.

Dirk E. Haas: Nein, das ist kein Problem. Erstens gibt es derartige Szeneviertel auch im Ruhrgebiet, nicht sehr viele, aber es gibt sie. Zweitens ist dieses Herbeisehnen von Kreativen, die ins Ruhrgebiet kommen sollen, substantiell nichts anderes als die Suche nach irgendwelchen Großinvestoren, mit der die institutionelle Wirtschaftsförderung seit Jahrzehnten ihre Zeit verbringt. Bemerkenswert an der Gentrifizierungsdebatte im Ruhrgebiet ist eigentlich nur, dass sie bislang überflüssig ist.

Die Kreativen des Ruhrgebiets sind bereits da. Sie studieren an den Universitäten; sie frickeln in irgendwelchen Garagen, Hinterhöfen, Ladenlokalen oder Kinderzimmern und wenn sie Bars, Boutiquen und Cafés brauchen, dann werden sie Bars, Boutiquen und Cafés einrichten. Man muss sie nur lassen – und da liegt gegenwärtig die Krux: Politik und Verwaltung im Ruhrgebiet sind in dieser Angelegenheit nur halb so lässig und erfinderisch wie sie es etwa bei der Finanzierung großer Leuchtturmprojekte sind.

LABKULTUR: Sie haben die Existenz vieler Zentren im Ruhrgebiet betont, aber auch angemerkt: Eine Vielzahl an Zentren macht noch keine Vielfalt unterschiedlicher Zentren. Dort, wo es viele Zentren gibt, existieren natürlich auch viele Peripherien. Das Ruhrgebiet ist also gleichermaßen eine „polyperiphere“ Region und sich auch sehr ähnlich. Was bedeutet das für den Umgang mit der Region als Kultur- und Wirtschaftsraum?

Dirk E. Haas: Ich weiß es noch nicht. Über die polyperiphere Region haben wir gerade erst angefangen, nachzudenken. Grundsätzlich bin ich eher dafür, die vorhandenen Unterschiede im Ruhrgebiet zu verstärken, sie also gerade nicht zu harmonisieren.

Bei der Auftaktveranstaltung zum neuen „Ideenwettbewerb Metropole Ruhr“ wurde erwartungsgemäß sehr ausführlich über eine gemeinsame Identität des Ruhrgebiets gesprochen, nicht selten mit dem vorsichtigen Hinweis: „Der Kreis Wesel ist aber anders.“ Ich glaube, es war ein Mitglied des Beirats zum Wettbewerb, das irgendwann anmerkte: „Nicht nur der Kreis Wesel ist anders. Alle sind anders.“ Das klingt schön und charmant, ist aber nicht so. Zumindest noch nicht.

LABKULTUR: Wenn sich die Peripherien so wie die Zentren sehr ähneln, dann geht doch die Schlagkraft der Behauptung, das Ruhrgebiet sei ein „5 Millionen Einwohner Stadtraum“, verloren. Stadtraum, urbane Kultur lebt ja von Gegensätzen und einer gewissen Dichte, oder? Sind wir durch Autobahnen verbundene Inseln, die keine urbane Dynamik entfalten können?

Dirk E. Haas: Das Ruhrgebiet ist ohnehin zu groß und zu dünn besiedelt, um durchgängig als großer, gemeinsamer Stadtraum klassischer Prägung wahrgenommen werden zu können. Um es an einem einfachen Rechenbeispiel deutlich zu machen: Eine Stadt wie London mit ihren 8 Mio. Einwohnern passt flächenmäßig zweieinhalb Mal ins Ruhrgebiet; mit anderen Worten, das Ruhrgebiet müsste 20 Mio. Einwohner haben, um eine ähnliche Dichte wie London aufzuweisen.

Jede Dynamik, die sich im Ruhrgebiet entfalten könnte, wird also die vielen Peripherien einbeziehen müssen. Eine andere Dynamik, etwa dass die vorhandenen Städte zusammenwachsen und die vielen Peripherien verschwinden könnten, wird es nicht geben; genauso wenig wie ein radikales Zusammenschrumpfen auf die Kernstädte von Duisburg bis Dortmund.

Dieses riesige Durcheinander an Identitäten und Intensitäten, an metropolitanen Flecken und dörflichen Enklaven, an Autobahnen und Trampelpfaden, dieses manchmal rätselhafte Nebeneinander von Dingen, die eigentlich nicht zusammen gehören, sich mitunter gegenseitig neutralisieren; das alles ist im Grunde genommen eine Raumstruktur ganz auf der Höhe der Zeit. Es ist auch die einzige Raumstruktur, die wir auf absehbare Zeit haben werden. Wer sich mit aller Kraft und von ganzem Herzen etwas anderes wünscht oder damit auf Dauer nicht klar kommt, wird woanders hingehen, woanders glücklich sein und woanders begraben werden.

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