LEICHT FRAGMENTARISCHE INDUSTRIEPASSAGE

Zwischen Weihnachten und Neujahr erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) ein Beitrag zum geplanten Aus für den Matenatunnel im Duisburger Stadtteil Bruckhausen. Noch vor wenigen Monaten wurde der Tunnel unter Denkmalschutz gestellt; jetzt, so muss man befürchten, dient die Unterschutzstellung lediglich als Druckmittel in den Verhandlungen zwischen der Stadt Duisburg und ThyssenKrupp um möglichst hohe Kompensationsleistungen für die geplante Schließung des Tunnels. Ein wirkliches Interesse, das Denkmal zu erhalten, scheinen weder die Stadt noch das Unternehmen zu haben – aber lest selbst (der Artikel ist leider nicht online; wir haben ihn zu Dokumentationszwecken eingescannt):

F.A.Z. vom 28.12.2012

F.A.Z. vom 28.12.2012

Im Artikel wird es bereits erwähnt: Noch erschließt der Tunnel Teile des Werksgeländes und verbindet den Ort Bruckhausen, dessen westlicher Teilabschnitt gegenwärtig zu Granulat verarbeitet wird, mit dem am Rheinufer aufgeschütteten Alsumer Berg, unter dem das alte Fischerdorf Alsum (siehe Karte) begraben liegt. Man mag es daher, je nach Gusto, logisch, zynisch oder schrecklich finden, wenn auch die verbindende Passage künftig mit Abraum verfüllt werden sollte.

Zustand vor dem Ausbau des Tunnels (Karte aus dem Jahr 1908 / Quelle: Stadt Duisburg)

Zustand vor dem Ausbau des Tunnels (Karte aus dem Jahr 1908 / Quelle: Stadt Duisburg)

Die nahe liegende Kritik, es handele sich einmal mehr um die übliche industriekapitalistische Raumverwertung, die am Ende nur Abraumlandschaft (bzw. Abraumstadt) hinterlässt, greift allerdings zu kurz: Die Schwerindustrie verwertet und vernutzt nicht nur, sondern sie produziert neuen Raum. Ohne Stahlfabrik gäbe es keinen Matenatunnel, den man erhalten könnte; und ohne die Jahrzehnte lange, gut organisierte Verantwortungslosigkeit bei der Unterhaltung des Bauwerks hätte der Matenatunnel nicht die Patina, die ihn zur atmosphärisch dichten „Location“ und zum Denkmal hat werden lassen. Gerade dessen „leicht fragmentarischen Erhaltungszustand“ hebt der Eintragungstext in die Denkmalliste besonders hervor. Insofern gehört der Tunnel zu den vielen Paradoxien, auf die man in Bruckhausen stößt. Denn auch der flächenhafte Abriss der gründerzeitlichen Bebauung ist im Grunde genommen ein nicht tolerierbarer, stadtgeschichtlicher Frevel. Aber in seiner ganzen, einmal mehr „fragmentarischen“ Ausführung – mal wird hier, mal wird dort ein Haus niedergelegt, ohne erkennbares Muster, jedoch in beeindruckender Gründlichkeit – lässt das Abrissprozedere neuartige, faszinierende Räume entstehen. Sie werden wieder verschwunden sein, wenn der Grüngürtel um das Stahlwerksgelände Wirklichkeit geworden ist.

Dass ThyssenKrupp den historischen, kulturellen und atmosphärischen Wert des Matenatunnels, dieses konkrete Resultat der eigenen Raumproduktion, bislang verkennt, wertet Andreas Rossmann in der F.A.Z. als weiteres Zeichen für die gegenwärtige Krise des Unternehmens. Darüber hinaus ist es ein Zeichen für die Krise dieser Stadt, die den Tunnel zwar nominell unter Denkmalschutz stellt, aber keinerlei erkennbare Idee entwickelt, wie dieses Denkmal tatsächlich auch geschützt werden kann.

In den letzten Jahren hat das Unternehmen ThyssenKrupp mehrere hundert Millionen Euro als Bußgelder für diverse illegale Preisabsprachen zahlen müssen. Mit einem Bruchteil dieser Summen wäre der Erhalt dieser „leicht fragmentarischen“ Industriepassage zum Rhein ohne weiteres zu bewerkstelligen.

Foto: Boris Sieverts

Foto: Boris Sieverts

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