Nachlese: DORF-AS-DORF-CAN
Es war dieses Mal kein Abend zum Ruhrgebiet, zumindest nicht auf den ersten Blick. Stattdessen: Schwäbische Alb, Lettland, Anatolien, Steiermark, Niederösterreich, Flevoland … die räumliche Kulisse des bunten Dorfabends war so vielfältig wie es die Vorträge zu werden versprachen.
Boris Sieverts zeigte mit seinem Projekt „Labyrinth und Prärie“, wie die Zwischenzonen eines schwäbischen Dorfes zum aktiven Handlungsraum, zum neuen Dorfplatz, werden können.
Jonas Büchel sprach über die Wechselbeziehungen von Urbanität und Ruralität unter den gegenwärtigen ökonomischen und demografischen Krisenbedingungen in Lettland.
Mustafa Tazeoglu fragte: Was sind eigentlich dörfliche Wirtschaftsweisen und welche ihrer Merkmale finden sich in den heutigen Tauschwirtschaften wieder?
Dass der ländliche Raum vieler Ortens nicht einfach nur verstädtert, sondern sich dort neue „rurbanistische“ Kulturlandschaften herausbilden, machte Kai Vöckler am Beispiel Österreichs anschaulich.
Hans Jungerius gab schließlich anhand eines historischen Filmdokuments einen Ausblick auf die geplante Exkursion „Bauernparadies auf Meeresgrund“, die das bauliche Erbe einer bis ins Detail entworfenen, modernistischen Agrargesellschaft zum Thema haben wird.
Die einzelnen Beiträge und Diskussionen des Abends an dieser Stelle wiedergeben zu wollen macht wenig Sinn. Einige Erkenntnisse, die für die weiteren Debatten um zeitgenössische Stadtlandschaften hilfreich sind, lassen sich jedoch bilanzieren:
> „Dorf“ und „Dorfgesellschaft“ sind einerseits siedlungsgeschichtlich einigermaßen klar bestimmbare Begriffe; andererseits sind sie in dezidiert urbanen Diskursen extrem populär und offensichtlich auch partiell anschlussfähig für die damit verbundenen Strategien. Zumeist fungieren sie als Chiffre für einen ausgeprägten und selbstbewussten Lokalismus – bis hin zum „Recht auf Dorf in der Stadt“. „Dorf“, im traditionellen Verständnis lange Zeit das Andere bzw. das Gegenüber zur Stadt, wird zunehmend zum Bestandteil von Stadt.
> In vormals ländlichen Räumen entwickeln sich Raumpraktiken und Typologien, die weder im herkömmlichen Sinne urban, noch weiterhin rural genannt werden können. Das gilt in Wachstums- wie Schrumpfungsphasen: Wenn wie in Griechenland oder Lettland sich Menschen vorübergehend aus den Städten aufs Land zurückziehen, weil sie sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können, oder andererseits Kartoffel- und Rübenäcker das Abstandgrün der Großwohnsiedlungen und die städtischen Parks erobern, dann verwischen nicht nur Raumbilder, sondern ideologische Konzeptionen von „Urbanität“ und „Ländlichkeit“. Womöglich ist ein vollkommen übernutzter Begriff wie „Urbanität“ ohnehin für ernsthafte Debatten gänzlich unbrauchbar geworden.
Das Thema wird uns daher in 2012 weiter begleiten, nicht zuletzt im Rahmen zweier Exkursionen: Das Bauernparadies auf Meeresgrund und die Power Flower City sind Kulturräume, in denen sich diese alten Entgegensetzungen von Urbanität und Ländlichkeit, von Industrie und Agrarwirtschaft, von Modernismus und Konservatismus weitgehend aufgelöst haben. Entstanden sind dort im besten Sinne „radikale Landschaften“, die womöglich auch radikal anders zu lesen und zu interpretieren sind.
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- Veröffentlicht:
- Januar 29, 2012 / 6:09 nachmittags
- Kategorie:
- NEWS
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